Internationale Aspekte der Finanz- und Wirtschaftskrise im Fokus des Monatsberichts Juli
In den vergangenen Jahren kam es in einigen Länder der Währungsunion zu makroökonomischen Fehlentwicklungen, die sich nicht zuletzt in anhaltend hohen Leistungsbilanzdefiziten und einer erodierenden Wettbewerbsfähigkeit niederschlugen. Der Beitrag "Zur Problematik makroökonomischer Ungleichgewichte im Euro-Raum" untersucht die Ursachen, krisenbedingten Folgen und wirtschaftspolitischen Implikationen dieser Prozesse.
Seit Beginn der dritten Stufe der Währungsunion Anfang 1999 hat in einigen Mitgliedstaaten an der geographischen Peripherie des Euro-Raums ein Wirkungsgeflecht aus kräftigem Nachfragewachstum, vergleichsweise starkem Preisauftrieb und gravierender Erosion der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zu persistent hohen Leistungsbilanzdefiziten geführt. Nach Ansicht der Deutschen Bundesbank hat die Finanz- und Wirtschaftskrise dabei offengelegt, dass hinter den erheblichen außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten dieser Länder nicht tragfähige binnenwirtschaftliche Entwicklungen standen. Diese bedeuten nicht nur eine erhöhte wirtschaftliche und finanzpolitische Verletzbarkeit der entsprechenden Länder. Angesichts von Ausstrahlungseffekten auf den stark verflochtenen Finanzmärkten der Währungsunion bilden sie zudem eine Gefahrenquelle für andere Mitgliedsländer und damit für den Währungsraum insgesamt. Sie belasten auch in erheblicher Weise die Durchführung einer stabilitätsgerechten einheitlichen Geldpolitik. Die sich im Frühjahr zuspitzende Verschuldungskrise in einigen Peripheriestaaten und die daraufhin beschlossenen Stabilisierungsmaßnahmen auf europäischer Ebene haben die Risiken nachdrücklich vor Augen geführt.
Vor diesem Hintergrund ist es dringend geboten, die bisherigen Fehlentwicklungen zu korrigieren und in Zukunft eine Wiederholung zu verhindern. Im Zentrum einer diesbezüglichen Reformagenda müssen Maßnahmen stehen, die in den Defizitländern die heimische Nachfrage und die Produktionsmöglichkeiten wieder enger miteinander in Übereinstimmung bringen. Hierzu ist zunächst eine Stärkung der Wachstumskräfte in den betreffenden Ländern unumgänglich. Angebotsseitige Reformen führen jedoch mittel- bis langfristig nicht zwingend zu sinkenden außenwirtschaftlichen Defiziten. Die betreffenden Volkswirtschaften werden daher nicht umhinkommen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf ein wieder nachhaltiges Niveau zu verringern. Eine zentrale Bedeutung hat dabei angesichts der dramatisch verschlechterten Lage der öffentlichen Haushalte eine entschlossene finanzpolitische Konsolidierung. Durch sie wird es zudem gelingen, das verlorene Vertrauen an den Finanzmärkten zurückzugewinnen.
Mit Blick auf die Ausgangsfrage der makroökonomischen Ungleichgewichte kann somit das Gros der zur Korrektur erforderlichen strukturellen Anpassungen nach Ansicht der Bundesbank nur von den Defizitländern selbst vorgenommen werden. Kompensierende Maßnahmen von Ländern des Euro-Raums mit Leistungsbilanzüberschüssen mittels einer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, etwa durch eine expansivere Lohn- und Finanzpolitik, wären weder problemadäquat, noch würden sie angesichts der gering ausgeprägten Ausstrahlungseffekte den Defizitländern merklich Entlastung verschaffen. Wirksam helfen würde diesen Ländern vielmehr ein verbessertes Umfeld für eine stabilitätsgerechte Geldpolitik, indem alle Mitgliedsländer der EWU eine binnenwirtschaftlich nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik verfolgen.
Der Aufsatz " Nominale und reale Wechselkursentwicklung während der Finanzkrise" beschreibt zum einen die Wechselkursentwicklung der wichtigsten globalen Währungen sowie währungspolitische Reaktionen auf die Krise; zum anderen versucht er, für die unterschiedlichen Krisenphasen die relevanten globalen Einflussfaktoren zu identifizieren.
Quasi seismographisch zeichnet die Entwicklung der nominalen und realen Wechselkurse die krisenbedingten Schockwellen nach, die in den zurückliegenden drei Jahren sowohl die Finanzmärkte als auch die Realwirtschaft im globalen Maßstab erschüttert haben. Die Wechselkursentwicklung wurde während der Finanzkrise über die traditionellen fundamentalen Determinanten hinaus wesentlich von der Verunsicherung der Marktteilnehmer bestimmt, die zu einer Flucht in "sichere" Anlagen einerseits und einer Auflösung riskanter Geschäfte - etwa Currency Carry Trades - andererseits geführt hat. Mit Blick auf den Euro spielten zudem die gravierenden Haushaltsprobleme Griechenlands eine wichtige Rolle für die Kursrückgänge seit Dezember 2009.
Die krisenbedingten Veränderungen im Wechselkursgefüge und bei den Preissteigerungsraten haben zu - teils temporären, teils persistenten - Verschiebungen der Wettbewerbspositionen der wichtigsten Währungsräume geführt. Innerhalb des Euro-Raums jedoch haben sich die Unterschiede in den Wettbewerbspositionen der einzelnen Mitgliedsländer bislang zumeist nicht wesentlich verringert.
Die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise verbundenen Anspannungen an den Devisenmärkten haben in verschiedenen Ländern zu währungspolitischen Eingriffen wie Interventionen und Kapitalverkehrsbeschränkungen geführt. Sie sind jedoch nach Auffassung der Bundesbank im Vergleich zu früheren Perioden schwerer globaler Rezessionen und erheblicher Verwerfungen an den Finanzmärkten - etwa der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren - bislang begrenzt geblieben. Dies ist durchaus als Erfolg zu bezeichnen, blieben doch so bisher währungspolitische Konflikte weitgehend aus, die die wirtschaftliche Erholung behindern könnten.
Der abschließende Beitrag "Frühjahrskonferenz der Deutschen Bundesbank 2010: Internationale Risikoteilung und globale Ungleichgewichte" fasst die wichtigsten Inhalte dieser Veranstaltung zusammen. Ihr Ziel war es, ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie weit die stetig gewachsene internationale Finanzmarktintegration sowie globale Ungleichgewichte zur heutigen Krisensituation beigetragen haben.
Unter anderem haben die Konferenzbeiträge verdeutlicht, wie das Zusammenspiel dieses Integrationsprozesses und eines unvollkommenen Verständnisses der Innovationen des Finanzsystems einen Beitrag zur gegenwärtigen Finanzkrise geleistet haben. Vor diesem Hintergrund wurde auch über Wege einer verbesserten Regulierung der Finanzsysteme diskutiert, die es ermöglicht, die Vorteile der internationalen Finanzmarktintegration, etwa eine bessere internationale Risikoteilung, zu nutzen und gleichwohl die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems entscheidend zu erhöhen
Quelle: Pressemeldung Deutsche Bundesbank
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